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„Da ist so viel Energie, die in den Kindern schlummert“

Seit 2014 war Ulrike Seidel Teil des pädagogischen Teams der Montessori-Schule Heiligensee, zuerst als Lehrerin in der Grundschule, wenig später auch in der Schulleitung für Grundschule und Sekundarstufe I. Im Januar 2020 hat sie die Pädagogische Leitung des neu gegründeten Montessori Campus am Tegeler Forst übernommen. Im Interview erklärt die staatsexaminierte Lehrerin mit Montessori-Diplom, was Montessori-Pädagogik für sie bedeutet, wie sie mit der Naturpädagogik zusammenhängt und wie sich Leben und Lernen verbinden lassen. Und sie verrät, was sie sich für ein neues Schulgebäude wünscht – denn noch leben und lernen in Tegel alle in Containern.

Text: Jana Pajonk

Liebe Ulrike, wie bsit du zur Montessori-Pädagogik gekommen?

Ich habe in Potsdam auf Lehramt studiert, meine Spezialisierungen waren Grundschule, Deutsch und Musik. Damals gab es noch keinen Lehrermangel und ich habe nicht sofort einen Referendariats-Platz bekommen. So kam ich auf die Idee, eine Montessori-Ausbildung dazwischen zu schieben. Und da ist es passiert: Ich habe mich in dieser Art, mit Kindern umzugehen, sofort so zuhause gefühlt. Das wollte ich nicht mehr aufgeben, nie mehr. Ich habe mein Referendariat dann an der Staatlichen Montessori Schule Potsdam gemacht und bin der Pädagogik seither treu geblieben.

„Erwachsene tendieren dazu, Kinder nicht wirklich wahrzunehmen, über ihren Kopf hinweg Dinge für sie zu entscheiden. Das ist nicht hilfreich.“

Was bedeutet Montessori-Pädagogik für dich? Was hat dich da so gepackt?

Es ist das Vertrauen in jedes Kind und seine Fähigkeiten, das die Grundlage dieser Pädagogik ist. Montessori-Pädagog*innen verstehen sich als Begleiter*innen und Berater*innen des Kindes auf seinem Weg – und ein Stück weit auch der Familie. Wir beobachten das Kind genau. Natürlich haben wir den Rahmenlehrplan im Hinterkopf. Aber wir haben auch den Mut, den wegzuschieben, wenn wir merken: Das Kind braucht etwas anderes. Erwachsene tendieren dazu, Kinder nicht wirklich wahrzunehmen, über ihren Kopf hinweg Dinge für sie zu entscheiden. Das ist nicht hilfreich. Den Kindern nimmt es das Selbstvertrauen und hält sie in Abhängigkeit. Den Erwachsenen nimmt es auch die Freiheit, weil sie sich mehr Verantwortung aufbürden als notwendig.

Wie gelingt es denn, ein Kind wirklich zu sehen?

Man muss sich die Mühe machen, das, was man oberflächlich meint zu sehen, zu hinterfragen: Warum tun Kinder das, was sie tun? Warum verhalten sie sich auffällig? Warum agiert das Kind so, wie es agiert? Ein Kind tut nichts zufällig oder aus bösem Kalkül. Es möchte sich entwickeln, etwas lernen und erfahren. Da steckt ein Plan dahinter, etwas im Kind, das gesehen werden möchte. Und manchmal stehen wir Erwachsenen mit all unserer Macht dieser Entwicklung im Weg. Dann heißt es: ein Stück zurücktreten. Oder wir müssen dem Kind etwas aus dem Weg räumen. Das zu erkennen, sehe ich als meine Aufgabe. Und es ist eine sehr erfüllende Aufgabe.

Werden Kinder an Montessori-Schulen besser gesehen und in ihrer Entwicklung gefördert?

Ich denke schon. An herkömmlichen Schulen gibt es keine Zeit und keinen Raum, auf diese Dinge zu achten. Da muss ich als Lehrerin dafür sorgen, dass alle zur selben Zeit das Gleiche lernen. Da muss ich allein viel zu viele Kinder im Blick haben und stehe selbst ständig unter Druck. Da ist wenig Raum, die Entwicklung des einzelnen Kindes zu sehen oder gar zu hinterfragen. An unserer Schule sorgen wir für die entsprechenden Zeiten und Räume, denn sie sind Grundlage der Pädagogik, die wir hier leben. Ich liebe diese Gespräche, wenn man ein Kind fragt: Warum hast Du das jetzt so gemacht – oder nicht gemacht? Da ist so viel Energie, die in den Kindern schlummert. Als Montessori-Pädagogin suche ich nach den Quellen dieser Energie und ermutige die Kinder, sie rauszulassen. Hier dürfen sie sprudeln, sie selbst sein und sich daran erfreuen. Hier erfahren sie Wertschätzung. Und wie selbstverständlich bringen sie diese auch ihren Mitschüler*innen entgegen.

Was ist für dich der Sinn von Schule?

Ich glaube, dass es für Kinder ab einem bestimmten Alter zunehmend wichtig ist, aus dem familiären Rahmen Stück für Stück herauszuwachsen. Sie sollen sehen, dass es auch andere Charaktere als die der Eltern gibt, an denen sie sich bei Bedarf orientieren können. Außerdem finde ich es wichtig, dass Kinder lernen, mit anderen Kindern zusammenzuarbeiten und gemeinsam Probleme zu lösen.

„Kinder sollten sich selbst als Teil des großen Ganzen erfahren und lernen, welche Verbindungen alles Leben miteinander hat.“

Was sollten Kinder deiner Ansicht nach noch in der Schule lernen?

Ganz wichtig ist es, Freude daran zu haben, neue Dinge zu erforschen. Sie müssen erfahren, wo sie Wissen herbekommen und wie sie es sich aneignen können. Einige Inhalte im Rahmenlehrplan kann man mit Blick auf die Relevanz fürs Leben durchaus hinterfragen, denke ich. Andere wiederum wie Grundrechenarten, Lesen und richtig Schreiben, halte ich für wesentlich. Auch naturwissenschaftliche Grundmodelle sind für jeden wichtig und müssen von Expert*innen erklärt werden. Dafür ist Schule da. Am allerwichtigsten erscheint mir, dass ein Kind am Ende der Schulzeit die Antworten auf folgende Fragen kennt: Wie lerne ich? An welchen Stellen hakt es bei mir und wie kann ich damit umgehen? Wo habe ich Konflikte mit anderen, warum entstehen sie und wie kann ich sie friedlich lösen? Wie wirkt sich mein Handeln auf meine Mitmenschen, die Umwelt und die ganze Welt aus? Kinder sollten sich selbst als Teil des großen Ganzen erfahren und lernen, welche Verbindungen alles Leben miteinander hat.

Was bedeutet gelungenes Lernen für dich?

Im Idealfall haben Kinder selbst eine Problemstellung entdeckt. Sie wissen etwas nicht und merken, sie wollen es wissen. Dann suchen und finden sie einen Weg, sich das Wissen anzueignen. Es kann manchmal auch bedeuten, sich zu zwingen, bestimmte Schritte einzuhalten und die Disziplin aufzubringen, einem vorgegebenen Muster zu folgen, z.B. bei naturwissenschaftlichen Experimenten. Diese Prozesse können Pädagog*innen unterstützen, aber als Begleiter*in, nicht als Vorsager*in. Auf diese Weise ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Wissen, das dazu kommt, gut in die vorhandenen Strukturen im Kopf eingebunden wird. Dann ist es nachhaltig im Kopf verankert und das Kind kann auch später darauf zugreifen. So sieht für mich gelungenes Lernen aus.

„Die Erfahrung, wie einen das eigene Tun erfüllen kann, ist eine Erfahrung, die sie im Leben tragen wird.“

Und mit Montessori-Pädagogik kann Lernen gelingen?

Ja, denn die Verbindung von Freiheit und Disziplin, die die Montessori-Pädagogik prägt, bereitet dafür einen idealen Boden. Das Kind darf sich frei entfalten und baut dadurch eine innere Disziplin auf, um die Dinge auch zu Ende zu bringen. Das kennt fast jeder Mensch: Die Inspiration, die man fühlt, wenn man eine Lösung für etwas sucht, das man selbst unbedingt gern herausfinden möchte. Dann sucht und recherchiert und probiert man so lange, bis es sich richtig gut anfühlt. Diese Lust am Lernen und Erforschen, am Ausprobieren und am schöpferisch Sein zu erhalten und zu befördern, ist unser Anliegen. Montessori-Schüler*innen tun nicht, was sie wollen. Sie wollen, was sie tun. Das ist ein großer Unterschied. Die Erfahrung, wie einen das eigene Tun erfüllen kann, ist eine Erfahrung, die sie im Leben tragen wird.

Auf dem Montessori Campus am Tegeler Forst spielt die Natur eine große Rolle. Was haben Montessori-Pädagogik und Naturpädagogik miteinander zu tun? Warum ist der Kontakt mit der Natur so wichtig?

Während meiner Montessori-Ausbildung habe ich mal eine Geschichte gehört: Einige Pädagoginnen, die sich bei Maria Montessori fortbildeten, fragten sie eines Tages: „Für die Kleinen haben wir so wunderbare Materialen, die goldenen Perlen, die Apotheke, Buchstaben aus Sandpapier oder Materialien des täglichen Lebens. Aber was sollen wir mit den Großen machen? Was sollen wir ihnen geben?“ Darauf antwortete Maria Montessori sinngemäß: „Ihr habt doch alles, was ihr für sie braucht. Gebt den Großen die Welt! Die Natur ist eine große Lehrmeisterin. Lasst die Kinder Zusammenhänge in der Natur beobachten und auf das Leben übertragen. Schaut mit ihnen, was kleine Eingriffe des Menschen in natürliche Kreisläufe bewirken und wie schnell sie das fragile Gleichgewicht zerstören können. Sie werden sich ihrer Verantwortung bewusst werden, wenn sie die Natur erfahren.“ Wenn wir gemeinsam mit den Kindern auf die Menschheitsgeschichte zurückblicken, dann wird schnell klar, dass der Mensch mit dieser Verantwortung nicht gut umgegangen ist. Da ist etwas auf der Strecke geblieben, während die Technologisierung rasant voranschritt: das Bewusstsein für die Zusammenhänge. Im Kontakt mit der Natur können wir dieses erlangen, deswegen wollen wir ihnen möglichst viel davon ermöglichen. Ein Baum im Wald ist lehrreicher als ein Baum im Buch. Den sieht man nicht nur, man fühlt ihn auch – man baut eine emotionale Verbindung auf. Dieses Erleben ist der Schlüssel – zu einem anderen Bewusstsein und zum Wunsch, mehr erfahren und die Natur erforschen zu wollen. Und das alles ist ganz im Sinne der Pädagogik Maria Montessoris.

„Gebt den Großen die Welt! Die Natur ist eine große Lehrmeisterin.“


Auch der Kontakt zur Stadt ist ein wesentlicher Teil im Konzept des Campus. Warum? Was kann die Stadt die Kinder lehren?

Um die Geschichte der Menschheit zu verstehen, ist es elementar zu begreifen, wie viele Generationen an unserer Gesellschaft mitgearbeitet haben. Wie viele Epochen uns dahin gebracht haben, wo wir heute sind. Die Anbindung an diese große Stadt ermöglicht es, da Einblicke zu gewinnen. Wir haben so viele Museen, die schon die Jüngsten besuchen können und so Wissen erleben. Spätestens ab den Jahrgangsstufen 4-5-6 gehen die Kinder selbst auf Entdeckungsreise in der Stadt, die Erwachsenen begleiten sie dabei nur im Hintergrund. Die Kinder suchen die Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln selbst. Es ist gar nicht so sehr, was sie erleben, sondern dass sie den Ort aufsuchen und sich dort zurechtfinden, in dieser großen Stadt. Das stärkt ihr Selbstvertrauen. Dabei entdecken sie „zufällig“ Dinge, die ihr Interesse wecken. Berlin, wo an jeder Ecke Geschichte auftaucht, gibt da eine Menge her. Auch über das menschliche Zusammenleben erfahren die Kinder bei ihren Exkursionen viel. Immer wieder wird deutlich, welch ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein Kinder haben. Der Anblick eines Obdachlosen macht sehr viel mit ihnen und eröffnet zurück in der Schule einen ganzen Strauß an neuen Themen, die die Kinder erforschen und für die sie sich engagieren wollen.

Zurück nach Tegel. Jetzt habt ihr die Möglichkeit, hier ein neues Gebäude ganz nach euren Vorstellungen zu bauen. Was ist für dich persönlich dabei besonders wichtig?

Maria Montessori sprach immer von einer vorbereiteten Umgebung. Das heißt, dass das Außen so gestaltet sein muss, dass es dem entspricht, was die Kinder in ihren jeweiligen Entwicklungsstufen brauchen. Dass das eine Rolle spielt, wünsche ich mir sehr. Herkömmliche Schulgebäude mit ihren langen Fluren sind dafür nicht geeignet. Ich kann verstehen, dass Kinder diese Flure entlangrennen, weil sie wegwollen. Ich wünsche mir, dass unser Gebäude zum Verweilen einlädt, weil man sich darin wohlfühlt. Ich möchte, dass unsere Flure lebendig sind, mit Zonen, die Kinder gestalten können, wo allein die Umgebung schon Ruhe bringt. Es muss Orte für das Aktivsein geben und solche, an denen man zur Ruhe kommen kann. Und neben Bereichen für die einzelnen Entwicklungsstufen braucht es Räume, in denen sich alle begegnen können, um von- und miteinander zu lernen. Es sollte sich mehr wie wohnen anfühlen. Ich wünsche mir einen Ort, an dem alle gerne sind und sich zuhause fühlen. Wo alles da ist, was man so braucht: Plätze zum Seele baumeln lassen, Orte für konzentrierte Arbeit und Bereiche für ganz bestimmte Aktivitäten, wie Experimente, Kunst oder handwerkliche Projekte.

Vielen Dank für das Gespräch.