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I did it my way – Montessori-Schüler im Bildungssystem

Berlin. Am 22. April 2014, präsentierten sechs ehemalige Schülerinnen und Schüler der Freien Montessori Schule Berlin Highlights ihrer Schulzeit und Erfahrungen mit dem Freien Lernen. Die jungen Erwachsenen hatten sich das Konzept der Veranstaltung in der Aula der PepperMont Schule in Berlin-Prenzlauer Berg, ein Late-Night-Show-Format, selbst erarbeitet und völlig eigenständig organisiert. Die Montessori Stiftung Berlin stellte den Raum zur Verfügung und kümmerte sich um die Ankündigung. Die Veranstaltung stand im Rahmen der Berliner Stiftungswoche.

Rund 70 Besucherinnen und Besucher kamen, um sich mit Konzepten Freien Lernens zu beschäftigen und stellten im Anschluss viele Fragen. Vor allem interessierten sich die Anwesenden für die Erfahrungen, die einige Jugendliche mit dem Wechsel an eine Regelschule gemacht haben.

„Am Gymnasium sind es die Ansprüche anderer, denen man ständig versucht, gerecht zu werden“

„Mir ist der Wechsel an eine Regelschule schwer gefallen, weil ich schnell merkte, dass ich alles, was meine bisherige Schullaufbahn ausgemacht hatte, aufgeben musste: Selbstbestimmung, Selbstorganisation und meine Freiheit“, erzählt Marina. Nach ihrem Mittleren Schulabschluss und der Großen Praktischen Arbeit an der Freien Montessori Schule Berlin war sie ein Jahr ins Ausland gegangen und besucht nun die Oberstufe an einer Gesamtschule.

Auch Hannah wechselte die Schule, um auf einem Gymnasium ihr Abitur zu machen. „Am Anfang war ich total motiviert“, berichtet die 19-Jährige, „jetzt bin ich tief enttäuscht: Ich erkenne den Sinn dieser Ausbildung nicht! Wir sind alle individuell, müssen aber dasselbe machen.“ Hannah ist eine sehr gute Schülerin, hat sich schnell angepasst und schreibt gute Noten. Dennoch hat sie ihren eigenständigen Blick auf die Dinge beibehalten. Mit beeindruckender Klarheit analysiert sie ihre Erfahrungen: „Es ist schwer, in diesem Bildungssystem seine eigenen Ansprüche und Bedürfnisse herauszukristallisieren. Hier sind es nicht die eigenen, sondern die Ansprüche anderer, denen man ständig versucht, gerecht zu werden. Das frustriert.“

Hannah (2.v.l.) und ihre ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler in der Aula der PepperMont Schule

Die Rolle des Lehrers an einer Montessorischule ist ebenfalls Thema an diesem Abend. „Wie wichtig waren die Pädagogen für Euch?“, fragt ein Mann aus dem Publikum. „Sie waren eher im Hintergrund,“ antwortet Hannah. „Den Stoff habe ich mir allein erarbeitet. Ich wusste während meiner ganzen Schulzeit, dass ich keinen Lehrer dazu brauche, irgendetwas zu begreifen. Denn ich hatte gelernt, zu lernen, und mir Hilfe zu holen, wenn ich es brauche.“ Ihr ehemaliger Mitschüler Aaron ergänzt: „Unsere Lehrer waren wichtige Begleitpersonen und Lotsen. Sie standen uns immer zur Seite, wenn wir Fragen hatten und haben darauf geachtet, dass wir nicht zu weit vom Weg abdriften. Sie waren sehr wichtig.“

„Den Kindern alles abzunehmen, ist ein großer Fehler“

„Heute am Gymnasium lassen die Lehrer einen nichts selbst entscheiden“, erzählt Hannah. „ Sie haben so große Angst davor, die Kontrolle zu verlieren.“ Dazu meldet sich Uwe Reyher zu Wort, der von 2004 bis 2013 Schulleiter der Freien Montessori Schule in Köpenick war. „Wenn man mit einem genauen Plan in einen Raum mit Kindern kommt, haben die meisten von ihnen sofort keine Lust mehr“, sagt der Pädagoge. „Wir befinden uns derzeit in einem Wahn, ganz viel ganz schnell mit den Kindern zu machen. Dabei neigen wir auch dazu, unseren Kindern alles abzunehmen, alles Denken und Handeln. Und das ist der Fehler. Kinder brauchen Vertrauen und eine liebevolle, sie herausfordernde Begleitung. Man muss sie einfach machen lassen. Es ist wichtig, nicht alles FÜR die Kinder zu tun, sondern MIT ihnen.“

„Die Freiheit hat mir meine Pubertät erleichtert“

Hannah und ihre ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler sind sich einig: Freies Lernen ist das, was Kinder brauchen, auch und gerade in schwierigen Phasen. „Wenn man in der Pubertät ist, hat man einfach keinen Bock. Da ist es eigentlich erstmal egal, in welche Schule man geht“, sagt Hannah. „In der Regelschule hört man nicht zu, in der Montessorischule nimmt man sich kein Material. Dennoch glaube ich, dass die Montessorischule mir diese Phase erleichtert hat. Denn hier war einfach Raum für mich, auch in dieser Phase der akuten Unlust. Wäre andauernd jemand gekommen und hätte mich gezwungen, dies und jenes zu machen, wäre es sicher schlimmer gewesen.“

Hannah bereut ihre Entscheidung für das Gymnasium inzwischen, ist aber dennoch entschlossen, auch diese Erfahrung zu machen und konsequent zu sein. Die Alternative, das Nichtschüler-Abitur, das ihre beste Freundin macht, erscheint ihr inzwischen sinnvoller. „Ich sehe, wie sie weiterhin selbstbestimmt und mit großer Motivation arbeitet“, sagt Hannah. „Das ist einfach der bessere Weg.“

„Wir brauchen ein Montessori-Abitur“

Das Resümee des Abends lautet: Wir brauchen ein Montessori-Abitur, einen Weg zur Hochschulreife, der Montessori-Schülern gerecht wird und ihnen nicht plötzlich das Korsett des herkömmlichen Bildungssystems überstreift und so das eigenständige Denken wieder abtrainiert.   „Das ist ein klarer Auftrag an unsere Stiftung“, sagt Christian Grune, Vorstandsvorsitzender der Montessori Stiftung Berlin, im Anschluss an die Veranstaltung. „Wir arbeiten bereits daran, einen Weg zum Abitur zu konzipieren, der selbständige und ganzheitliche Lernleistungen stärker berücksichtigt. Ein Zwischenschritt könnten verbesserte Nichtschülerprüfungen in der Schule und in Begleitung der Pädagogen sein, mit denen die Schüler über Jahre gearbeitet haben.“

Die Montessori Stiftung Berlin ist derzeit Träger von sechs Berliner Schulen, darunter die Freie Montessori Schule Berlin in Köpenick. Sie hat eine genehmigte Oberstufe und darf Schülerinnen und Schüler zum Abitur begleiten. Die Prüfungen müssen die jungen Erwachsenen bislang noch extern ablegen. An der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule in Tempelhof, der Montessori Gemeinschaftsschule Berlin-Buch und der Freien Sekundarschule PepperMont in Prenzlauer Berg ist die Begleitung zum Abitur in Planung. Überlegungen der Stiftung gehen dahin, eine gemeinsame Oberstufe für alle Trägerschulen in Berlin einzurichten.